Good morning, Vietnam


Eine Grundschule im Prenzlauer Berg soll sich vorbildlich in Sachen Völkerverständigung zeigen. Was biete sich bei Schülern, die sich auf insgesamt 21 verschiedene Nationen verteilen, besser an, als eine "weltoffene Woche" zu gestalten und jedem Schüler ein Kulturgut 'seiner' Nation vorstellen zu lassen? 
Etwas planlos geht aber der kleine Minh nach Hause zu Vater Sung. Ein Kulturgut? Aus seinem Land? Ist er nicht in Deutschland geboren? Weder er noch sein Vater waren je in Vietnam. Sung beschließt kurzum seinen Sohn zu Großmutter Hiền, die Einzige im Haushalt, die auch in Vietnam aufgewachsen ist. Schnell holt die ihre langzeit verstaute Holzpuppe des vietnamesischen Wassertheaters hervor und mit einem lauten Good morning, Vietnaaaaaaam!, das die Grundschüler begeistert zurückgeben, beginnt eine Veränderung im Viertel, mit der niemand gerechnet hätte.

Kegelhüte werden der neuste Modetrend, vietnamesisches Essen ist beliebt, Sprache und Literatur Vietnams bekommen plötzlich enormen Zulauf an Liebhabern  und Affenbrücken, die wie durch Zauberhand aus dem Boden schießen, verbinden sämtliche Menschen des Viertels. Ob Deutsche oder Vietnamesen ist dabei egal. Der Prenzlauer Berg wird ein bisschen bunter, ein bisschen fröhlicher, ein bisschen vietnamesischer.
Karina Kalisa erzählt ihren Debütroman mit einer so liebevollen Leichtigkeit, dass man beim Lesen der letzten Seiten meint man werde aus einem schönen Traum geweckt. Allerdings verspürt man beim "Aufwachen" keinen Kummer; nein, eher gute Laune. Genau die gute Laune, die auch im Viertel aus allen Ecken zu sprühen scheint, nachdem sich der Vietnam-Trend verbreitet hat.


Sungs Laden ist eher als utopisches Märchen zu sehen. Im Viertel herrscht kein Fremdenhass, kein Neid, keine negativen Gefühle. Alle Veränderungen entwickeln sich aus dem Guten, aus Offenheit und Menschlichkeit; ein hervorragendes Beispiel, wie das Zusammenleben verschiedener Kulturen gelingen kann, indem jeder den anderen bereichert.

Im Vordergrund steht zuerst Sungs Familie und die traurige Geschichte seiner Mutter Hiền, die als Gastarbeiterin in die DDR kam und so gut wie ohne rechte einiges mitmachen musste. Nach und nach werden andere Charaktere vorgestellt und der Fokus schwenkt weg vom Schicksal einer Familie zu den kleinen Geschichten verschiedener Menschen im Prenzlauer Berg und wie sie diese provietnamesische Stimmungsumwälzung erleben. Einen richtigen Draht kann man daher nicht zu den Protagonisten aufbauen, aber wichtig ist bei Sungs Laden eigentlich eher, dass diese kulturelle Erweiterung des Lebens im Viertel Spaß macht, einen positiven Eindruck hinterlässt, ein "Das war schön, wär toll, wenn sowas wirklich passieren würde!" Und erfolgreich hat der Roman auch dieses Ziel erfüllt.


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